Unsere menschlichen Selbsttäuschungsfilter
Warum 100 Menschen 200 Antworten geben
Es hat ca. 3 Stunden gedauert, diesen Artikel zu verfassen. Er wurde mit Hilfe von Sonnet 5.5 verfasst. Wer wissen will, welcher Anteil auf mich als Autor und auf Sonnet 5.5 entfällt, kann unsere beiden Anteile in der Entwurfsnotiz Unsere menschlichen Selbsttäuschungsfilter_entwurf entnehmen. Dieser Artikel hat 1.537 Wörter, was ungefähr 4 Seiten entspricht. Es wird ca. 7 Minuten dauern, ihn zu lesen. Er thematisiert die teils verborgenen Filter, mit denen wir uns über Fragen oder Sachverhalte eine Meinung bilden. Er soll Ihnen unter anderem dabei helfen, durch Offenlegung dieser Prozesse die eigenen Entscheidungen hinterfragen zu können.
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum man 200 verschiedene Antworten bekommt, wenn man 100 Menschen fragt, was sie von einem Sachverhalt halten? Ist doch komisch, oder? Die Faktenlage ist doch für alle dieselbe! Warum bekommen wir nicht 100 identische Antworten oder zumindest zwei Antworten in einem nachvollziehbaren Verhältnis: etwa 80 % sagen, Auffassung A treffe zu, und 20 % meinen, Auffassung B sei eher richtig?
Das Problem ist häufig, dass bei 100 befragten Personen nicht nur 100 verschiedene Antworten herauskommen, sondern – zählt man die Zwischentöne und Abstufungen mit – scheinbar bis zu 200! Woran liegt das?
Die Antwort ist denkbar einfach: Der Mensch trifft Entscheidungen nur zum Teil rational. Seine Entscheidungen sind von seinem Bildungsstand, von der Mehrheitsmeinung der Gesellschaft und von anderen Faktoren wie dem kulturellen oder religiösen Hintergrund geprägt. Nicht selten mischen sich diese Filter in unterschiedlichen Stärken.
Das kollektive Unterbewusstsein am Beispiel der Spinnen
Hinzu kommt, dass der Mensch eine Art kollektives Unterbewusstsein hat. Menschen reagieren auf manche Umstände kulturübergreifend identisch. So ist beispielsweise in vielen Kulturen die Abscheu vor Spinnen ein großer gesellschaftlicher Konsens. Dabei gibt es nur eine Minderheit von Spinnen, die mit ihrem Gift Menschen verletzen oder töten können. Ob das überhaupt massenhaft geschieht, sei dahingestellt – vermutlich nicht. In Deutschland bzw. Europa werden uns die heimischen Spinnen auf jeden Fall nicht gefährlich. Obwohl es hierzulande keine Tatsachenberichte über angreifende Spinnen gibt, haben wir alle Angst vor ihnen. Warum? Wo sind die Fakten? Etwa die Meldungen der Tagesschau über den letzten tödlichen Angriff unserer Hausspinnen auf uns? Wenigstens von Bild könnte man doch eine reißerische Überschrift erwarten, etwa nach dem Motto:
Entsetzlich! Erneut tödliche Spinnenattacke in Berlin-Kreuzberg!
Aber selbst die sonst so erfinderische Bild schweigt sich in diesem Punkt aus! Unsere gesamtgesellschaftliche Spinnenphobie scheint jedenfalls nicht im Hause Axel Springer verursacht worden zu sein!
Bewusste und unbewusste Filter
Wenn ein Mensch sich eine Meinung über eine Sache bildet, durchlaufen die Informationen einen mehrstufigen Filterprozess im Gehirn. Dabei ist dem Menschen nur ein Teil dieses Filterprozesses bekannt. Es gibt bewusste Filter, über die wir uns im Klaren sind, etwa eine mögliche Angst vor Hunden, wenn wir einmal von einem Hund gebissen worden sind. Das Unterbewusste hat aber auch andere Filter, die uns nicht bewusst sind.
Gezielte Beeinflussung des kollektiven Unterbewussten
Die Werbeindustrie und die Politikwissenschaft machen sich diesen letzten Umstand zunutze. Durch geeignete Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit wird das kollektive Unterbewusste so lange bearbeitet, bis es eine Meinungsänderung vollzogen hat. Im sichtbaren Bereich verändern die Menschen dann auch in ihrem normalen Alltagsbewusstsein ihre Meinung. Das sind gezielte Manipulationsmethoden, die der Psychologie sehr wohl bekannt sind. 1 So wird die Öffentlichkeit im Unterbewussten darauf vorbereitet, Produkt X gut zu finden, und die Politik sieht Maßnahme Y gesamtgesellschaftlich umgesetzt.
Das Bild der Probierbrille: Welche Filter wirken in uns?
Wer noch einen „altmodischen“ Optiker oder Augenarzt hat, kennt die Probierbrillen. Diese Brillenungetüme verwendeten Augenärzte und Optiker vor der Digitalisierung, um die Sehschärfe zu bestimmen. Der Augenarzt hat ein Glas eingefügt und gefragt, ob ich besser sehe. Das ging so lange, bis es endlich passte. Mitunter hat er mir aber auch mehrere Gläser gleichzeitig vorgehalten.
Heute übernimmt zunehmend ein geschlossener Apparat, vor den man sich setzt, den ersten Teil dieser Arbeit automatisch.
Welche Brillenglasfilter kommen nun bei uns Menschen zum Tragen, wenn wir uns eine Meinung über einen Sachverhalt bilden?
| Nr. | Filter | Beispiel |
|---|---|---|
| 1 | Sozialer Filter 1 | Was ist gesellschaftlicher Konsens in der Sache, sofern bereits entwickelt? |
| 2 | Sozialer Filter 2 | Was sagt das berufliche Umfeld, der Familien- und Freundeskreis zu dieser Angelegenheit? |
| 3 | Sozialer Filter 3 | Was ist aktueller wissenschaftlicher Konsens? |
| 4 | Was sagt mein Priester oder Medizinmann? | Auch in Deutschland hat jeder seinen Schamanen, Priester oder Medizinmann. Das übernehmen bei uns meistens Bild und Handelsblatt. Steht etwas nicht in meinem Lieblingspressemedium, ist es für mich falsch oder irrelevant. |
| 5 | Schulisches Wissen | Nur was in der Schule gelehrt worden ist, ist richtig. |
| 6 | Was die Regierung nicht bestätigt, ist falsch | Auch im „aufgeklärten“ Westen ist das so, unabhängig davon, ob wir diese Auffassung vertreten. In diese Kategorie fällt auch derjenige, der immer in Opposition zur Regierung oder zu den anerkannten Autoritäten steht. Denn auch er ist dadurch kontrollierbar und steuerbar. |
| 7 | Verstehe ich den Sachverhalt? | Wenn nicht, bilde ich mir einen abgespeckten Sachverhalt und bewerte diesen. Wenn der abgespeckte Sachverhalt aber das Eigentliche nicht mehr wiedergibt, läuft der ganze Analyseprozess ins Leere oder wird verzerrt. Da die Sachverhalte sehr oft unser Wissen übersteigen, vereinfachen wir sie. Die Folge: Jede der 100 Personen bildet nach ihren individuellen Neigungen und Fähigkeiten ihren eigenen vereinfachten Sachverhalt. Unter dem Strich beurteilen die 100 Menschen also nicht den einen Ursprungssachverhalt, sondern 100 jeweils verschiedene Sachverhalte. |
Anhand der Tabelle sehen wir schon sieben Filter, die man gegebenenfalls noch erweitern oder verfeinern könnte. Mein Schreibassistent Claude war so freundlich, mir die Anzahl der möglichen Kombinationen zu nennen. 2 Schon bei nur fünf Stärkestufen je Filter sind es 78.125 Kombinationen. Die Antwort ist selbsterklärend und zeigt deutlich, dass wir froh sein können, wenn wir „nur“ 200 Antworten bekommen!
Entscheidungsprozesse und die Angst vor Blamage
Die Bezeichnung der Filter öffnet uns auch die Augen dafür, wie Entscheidungsprozesse im Menschen ablaufen. Wir alle kennen es von uns selbst: Niemand will sich vor den Leuten blamieren und zum Affen machen. Diese Gefahr besteht aber, wenn man einen gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Konsens angreift, etwa wenn man sagt, die Sonne sei nicht warm, sondern kalt.
Wer so etwas sagt, muss ein „dickes Fell“ haben. Eine Person in einer gesellschaftlich geachteten Position, etwa ein Lehrstuhlinhaber im Fachbereich Astronomie, ist dann womöglich nicht mehr die bestmögliche Wahl für wissenschaftliche Forschung, die die bestehende Konsensmeinung angreift. Es kommt dabei immer auf den Einzelfall an: darauf, was das Umfeld, die finanziellen Sponsoren und andere Interessenvertreter vom Lehrstuhlinhaber erwarten.
Die fehlende Offenlegung in der Wissenschaft
Das Problem ist, dass die Wissenschaft sehr oft genau das tut, was wir bei Anthropic, OpenAI & Co. so kritisieren.
Ich schreibe einen Prompt, und Claude Code antwortet. Was im Systemprompt bei Anthropic steht, ist uns nur teilweise zugänglich, ebenso wenig, welche anderen Prozesse in den Rechenzentren ablaufen, bis die Antwort von Claude kommt. Die fehlende Offenlegung kritisieren wir alle an den proprietären KI-Firmen.
Und wir sehen dabei nicht, dass unsere Wissenschaftler es in ihren Verlautbarungen genauso halten. In der Regel wird der eigene Filtermechanismus nicht offen kommuniziert. Manche Lehrstuhlinhaber sagen nicht offen, dass für sie Auffassungen, die den Materialismus kritisieren, unabhängig von der Faktenlage unzulässig sind. Kommen entsprechende Werke auf ihren Tisch, wird die Meinung als irrelevant vom Tisch gefegt. Anstatt das offen zu sagen, wird mit einer angeblichen „Unwissenschaftlichkeit“ argumentiert, und es wird nicht offen kommuniziert, dass man sich ein Fachjournal suchen solle, das es zulässt, das Postulat des Materialismus anzugreifen.
Warum Akademiker oft „zugefiltert“ sind
Dieser Artikel erklärt auch, warum es uns zu oft so vorkommt, als hätten gerade Akademiker einen blinden Fleck. Man fasst sich an den Kopf und fragt sich: Wie kann man so denken, wo man doch so gut gebildet ist? Die Lösung liegt in diesem Artikel.
Universitäre Ausbildung, vor allem im Westen, ist nicht darauf ausgerichtet, zu unabhängigem und kritischem Denken anzuregen, sondern bestehende Filterungsprozesse zu optimieren und zu vertiefen. Wer keine universitäre Ausbildung genossen hat, ist deshalb womöglich besser geeignet, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen, als der gesellschaftlich hoch angesehene Lehrstuhlinhaber an der Universität. Denn die sind häufig „zugefiltert“ und nicht mehr flexibel, da sie in allerlei Netzwerke eingebunden sind, die Ansprüche an die wissenschaftliche Wahrheit stellen – sei es die Politik, seien es kommerzielle Firmen, Religionsvertreter oder das eigene private Umfeld. Das heißt nicht, dass Menschen ohne Studium frei von Filtern wären – sie haben nur andere.
In einer solchen Position ist es deutlich schwerer, erkannte neue oder sogar alte Wahrheiten auch öffentlich zu vertreten und aus einer gesellschaftlich geachteten Stellung heraus die Rolle eines Galileo Galilei für den eigenen Fachbereich zu übernehmen. Viel einfacher ist es, im bestehenden, akzeptierten Konsens mitzuschwimmen.
Was wir in diesem Artikel gelernt haben
Realität hat viel mit unserer Wahrnehmung zu tun. Das, was wir als „Realität“ oder „Wahrheit“ bezeichnen, ist meistens nicht das Resultat objektiver Fakten, sondern das Ergebnis eines Filterprozesses, der uns mehr oder weniger klar ist. Die Identifizierung und Benennung dieser Filter ist für eine offene wissenschaftliche Debatte unerlässlich.
Dabei übersehen wir gerne, dass auch wir selbst allzu oft genau das Verhalten an den Tag legen, das wir bei OpenAI, Anthropic & Co. so kritisieren: dass die Entscheidungswege nicht offen bekannt gegeben werden. Wir tun das Gleiche, wenn wir unsere Filtermechanismen nicht transparent machen – also unseren eigenen „Systemprompt“ den anderen nicht zugänglich machen.
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Gustave Le Bon: Psychologie des foules; Hinweis: Das Werk habe ich nur zum Teil gelesen ↩