Schöpfungsüberlegungen - Teil 1

Grundidee und Grundannahmen

Jeder Artikel auf meiner Homepage ist in sich geschlossen und kann ohne Vorkenntnisse anderer Artikel gelesen werden. Auf vorangegangene oder nachfolgende Ergänzungen wird jedoch verwiesen. Dieser Artikel hat 3398 Wörter. Es hat 11,5 Stunden gedauert, ihn zu verfassen. Sie als Leser werden voraussichtlich für diese 10 Seiten 20 Minuten benötigen, ihn zu lesen. Der Artikel erklärt in einfacher Sprache, warum Gott oder ein Urbewusstsein überhaupt einen Genesisprozess durchgeführt hat. Hatte Gott etwa Langeweile im Himmel? Dabei werden die Begriffe „Ich“ und „Selbst“ aus philosophischer Sicht betrachtet. Zwei weitere Begriffe sind in diesem Zusammenhang ebenfalls sehr wichtig: „Alles“ und „Unendlich“. Auch wenn diese vier Begriffe langweilig und abstrakt erscheinen mögen, möchte ich Ihnen schon jetzt versprechen, dass sich mit ihnen ein richtiger Philosophie-Krimi entfalten lässt. Diese, dem Anschein nach langweiligen Wörter werden Ihnen die intensivsten und lebhaftesten Debatten Ihres Lebens bescheren. Wenn Sie bereit sind, Ihre bisherige Welt ein wenig zu hinterfragen, lade ich Sie ein, diesen Artikel bis zum Ende zu lesen.

Dieser Artikel ist bewusst zweideutig formuliert. Das Bewusstsein am Anfang können Sie mit Gott gleichsetzen oder auch nicht. Die Aussagen und Schlussfolgerungen treffen in beiden Fällen zu.

Das anfängliche Bewusstsein und warum es einen Schöpfungsvorgang initiieren sollte

Am Anfang war ein Bewusstsein

Beginnen wir am Anfang der Dinge. Am Anfang war Gott, so die Bibel indirekt im Genesisbericht1. Wir können diese indirekte Aussage des Alten Testaments so stehen lassen oder sie allgemeiner fassen: Am Anfang war ein Bewusstsein, das alles ausfüllte. In diesem Sinne ist „Unendlich“ also „Alles“.

Ob „Unendlich“ und „Alles“ gleichzusetzen sind, ist im hier erörterten Zusammenhang keine nebensächliche Frage. Die Philosophie ist sich darüber nicht einig. Es gibt verschiedene Auffassungen, darunter auch die, dass „Unendlich“ und „Alles“ austauschbare Wörter sein können2. Ich habe mich für die Gleichheit beider Begriffe entschieden, weil sich dadurch einige bedeutende Probleme später besser erklären lassen. Außerdem verursacht die Gleichheit weniger logische und theologische Folgeprobleme.

Wir halten also fest: Am Anfang war ein Bewusstsein, das alles umfasste, alles war und deshalb auch alles wusste. Das, was wir heutigen Menschen als Raum und Zeit verstehen, füllte dieses Bewusstsein bereits zu 100 % aus.

Wäre dem nicht so, wäre dieses Bewusstsein bzw. Gott vor dem (ersten) Genesisprozess nicht allgegenwärtig gewesen. Das würde später in der vergleichenden Religionswissenschaft und in den jeweiligen Theologien der Religionen zu Komplikationen und Inkonsistenzen führen. Dieses Fass möchte ich gar nicht erst aufmachen.

Das Bild vom Wasserplaneten

Wie können wir uns Gott oder das Urbewusstsein allein, ohne irgendetwas anderes, vorstellen? Können wir eine derartige Existenz überhaupt beschreiben? Vielleicht so: Stellen Sie sich vor, der Planet Erde bestünde nur aus Wasser. Es wäre eine einzige große Wasserkugel, die stillsteht. Es gibt keine Strömungen und keine Veränderungen. Einfach nichts. Stillstand. Stagnation. Man ist alles und füllt alles aus. Man weiß alles über sich, über seinen „Wasserplaneten“, da man er selbst ist.

Das Wort „Wasserplanet“ verleitet uns, diese Wasserkugel als begrenzt zu betrachten. Behalten wir deshalb im Bewusstsein, dass sie in Wahrheit der gesamte Kosmos ist, also alles, ohne irgendeine Ausnahme. Dieses Bewusstsein füllt alles zu 100 % aus. Bildlich gesprochen gibt es keinen Fleck, der nicht vom Bewusstsein erfüllt ist. Es gibt also auch keine Insel. Einfach nichts. Nur Bewusstsein pur, das in sich ruht, weil es alles selbst ist.

Gibt es im Urbewusstsein ein „Ich“ und ein „Du“?

Die nächste Frage lautet: Gibt es auf diesem „Wasserplaneten“ mehrere „Ich“ und „Du“? Gibt es innerhalb dieses einen Bewusstseins also personale Identitäten und dadurch auch Differenzierungen? Die Religionen sind da unterschiedlicher Auffassung. Das konstantinische Christentum bejaht dies mit seiner Trinitätslehre, der Islam verneint es strikt.3

Ich selbst favorisiere die Version, dass dieses Bewusstsein allein ist. Es gibt keine personale oder identitäre Trennung in ihm. Dieses eine Urbewusstsein am Anfang füllt also alles aus, ist alles selbst und weiß auch alles über sich selbst. Denn außer dem Selbst des Bewusstseins, das alles ist und alles ausfüllt, gibt es nichts anderes.

Wie ist es, ganz allein zu sein?

Wie ist das Leben dort, das wir Menschen mit Begriffen wie „Pleroma“, „Jenseits“, „Himmel“ oder „Paradies“ beschreiben? Wie ist es, ganz „allein“ zu sein? Hier einige Gedankenhilfen:

Wie ist es, Gott selbst im Himmel oder Paradies zu sein? In menschlichen Worten gesprochen: Kann einem da nicht auch die Decke auf den Kopf fallen?

Die Frage des Urbewusstseins: Wie ist es, nicht alles zu sein?

Im Streit zwischen Islam und konstantinischem Christentum favorisiere ich die Variante, dass es am Uranfang nur ein einziges Bewusstsein gab. Angesichts der vorangegangenen Überlegungen wird sich dieses Bewusstsein vermutlich gefragt haben, wie es wäre, nicht alles auszufüllen und nicht alles selbst zu sein. Das allwissende Bewusstsein wird sich also gefragt haben:

Wie ist es eigentlich, etwas nicht zu wissen? Und nicht „Selbst“ zu sein? Wie ist es, jemand anderes zu sein? Jemand, den es überhaupt nicht gibt? Und der dann auch nicht „Ich Selbst“ ist?

Der Wunsch nach Erfahrung als Motiv der Schöpfung

Dieses eine Urbewusstsein, das „alles“ ausfüllte und „alles“ auch deshalb wusste, weil es alles umfasste, was überhaupt existierte, nämlich nur sich selbst, beschloss eines Tages, etwas Neues zu schaffen. Etwas, das dem Anschein nach nicht es „selbst“ war.

Das klingt zunächst widersprüchlich. Wie sollte ein allwissendes Bewusstsein, ein allwissender Gott, etwas nicht wissen? Weiß Gott etwa nicht, wie es ist, in Wissen und Erfahrungswelt begrenzt zu sein? Ich denke: Nein. In diesem einen Punkt war das Bewusstsein und somit Gott selbst nicht allwissend. Um das zu ändern, wird das Bewusstsein beschlossen haben, die ihm fehlende Erfahrung selbst zu sammeln. Das wird der mutmaßliche Zweck des ersten Schöpfungsprozesses gewesen sein.

Ist ein Schöpfungsvorgang ein Limitierungsvorgang oder ein Erweiterungsvorgang?

100 % bleiben 100 %

Damit kommen wir zu einer wichtigen Frage, die nicht nur abstrakt philosophisch ist: Ein Bewusstsein füllt bereits das aus, was wir als Raum und Zeit bezeichnen, also 100 % der Raumzeit und 100 % von „Alles“. Es startet nun einen Schöpfungsvorgang. Was bedeutet das?

Kommt jetzt zu „Alles“ etwas dazu? Geht das überhaupt? Selbst bei Gott? Ich denke nicht! Auch bei Gott sind 100 % eben 100 %. Auch bei Gott gibt es kein

2 x „Alles“ oder 2 x „Unendlich“

und auch kein

1 x „Alles“ + irgendetwas anderes, das man im Schöpfungsakt geschaffen hat.

Also auch bei Allah im Islam oder bei Jesus Christus in der konstantinischen Kirche sind 100 % nur 100 %. Ich führe diese Limitierung aus philosophischen Gründen ein, aber auch deswegen, weil bedeutsame Folgeprobleme uns dadurch erspart bleiben. Dennoch hoffe ich, dass mir hier nicht die Beschränkung einer göttlichen Allmacht vorgeworfen wird.

Der Schöpfungsakt als Begrenzungsakt

Wenn es bei Gott bzw. dem Bewusstsein aber kein

2 x „Alles“

geben kann, bedeutet das umgekehrt, dass ein Schöpfungsakt eine Begrenzung ist. Wenn das Bewusstsein zuvor „Alles“, also 100 %, ausfüllte, zieht es sich im Schöpfungsakt zurück und nimmt nun beispielsweise nur noch 95 % von „Allem“ ein. Die übrigen 5 % überlässt es seiner neuen Schöpfung.

Was hat der Energieerhaltungssatz der Physik mit der Erschaffung von personalen Identitäten im Schöpfungsprozess zu tun?

Die Erschaffung bewusster Identitäten

Damit kommen wir zur Problematik der Erschaffung von bewussten Identitäten. Voraussetzung ist, dass ein Bewusstsein sich begrenzt und Raum für etwas anderes geben möchte. Diese geschaffene bewusste Entität, eine Person, soll ein anderes Bewusstsein haben. Sie soll nicht Gott, Allah oder welcher Gott auch immer sein. Sie soll nicht alles wissen und nicht alles in Vollmacht tun können.

Ein Axiom: Ein Bewusstsein lässt sich nicht vernichten

Das Problem ist: Wie verschwindet ein Bewusstsein, das bereits alles ausfüllt und alles ist? Und hier wird es knifflig, denn ich muss ein Axiom aufstellen. Für die Nicht-Philosophen unter uns: Ein Axiom ist eine Behauptung, die ich als wahr hinstelle und auf der ich meine ganze Argumentationskette aufbaue. Der Vorteil bei Axiomen ist: Ich muss das Axiom nicht beweisen können, einfach weil derartige Axiome schwer oder gar nicht beweisbar sind4.

Leider muss man auch in der Wissenschaft oft mit unbewiesenen Axiomen arbeiten. Und vermutlich verschweigt die Wissenschaft öfter, als uns lieb ist, dass gesicherte und angeblich „bewiesene“ Erkenntnisse auf der Basis eines Axioms hergeleitet worden sind. In Wahrheit ist dann nichts bewiesen, und es handelt sich nur um Spekulation.

Für mich fühlt sich dieser Umstand dann wie Wissenschaftsbetrug an. Denn wenn ich am Ende eine Spekulation als wissenschaftlichen Beweis deklariere, behaupte ich eine Objektivität, die so nicht gegeben ist. Das ist nichts anderes, als würde ich als Wissenschaftler die Laborwerte nicht messen, sondern passend zu den Erwartungen des Finanziers meiner Studie ins Protokoll schreiben. Diese Auffassung zu nicht offen deklarierten Axiomen muss nicht jeder teilen. Ich tue es aber. Das soll jedoch nicht Thema dieses Artikels sein.

Wir halten also fest: Ein Axiom ist nur eine Spekulation, die ich nicht beweisen kann, die ich aber benötige, um meine Argumentation darauf aufzubauen. Die Wissenschaft hat den Begriff des „Axioms“ eingeführt, weil er sich bedeutsam anhört und niemand weiß, dass es eine Spekulation ist.

Kommen wir aber zur Philosophie zurück: Was ist nun meine unbewiesene Spekulation? Hier ist sie:

Wie im Großen, so im Kleinen.

Oder anders formuliert:

Wie oben, so auch unten.

Woher das Axiom stammt

Woher nehme ich dieses Axiom? Beispiele aus unserer Natur zeigen es:

1. Zellteilung in der Biologie. Wenn sich biologische Zellen teilen, ist die Genetik der Tochterzelle mit der der Mutterzelle identisch.

2. Energieerhaltungssatz. Energie kann nur in andere Formen umgewandelt werden. Sie kann weder verschwinden noch aus dem Nichts auftauchen.

Nach meinem Axiom setzen sich die Gesetzmäßigkeiten des ersten Genesisprozesses, in dem aus dem Selbst 1 ein differenziertes Selbst 2 entstand, in den weiteren Genesisprozessen fort und erfahren nur kleinere Änderungen. Wenn wir also hier unten in unserer Wirklichkeit, am Ende der Schöpfungskette, so etwas wie einen Energieerhaltungssatz in der Physik haben, kann man durch mein Axiom darauf schließen, dass es oben, am Beginn der Genesiskette, ein entsprechendes Äquivalent gibt: Ein Bewusstsein kann nicht verschwinden. Die materielle, körperliche Schöpfung lässt sich somit als Schattenbild der eigentlichen Gesetzmäßigkeiten „oben“ verstehen.

Die Konsequenz: Ein Bewusstseinsklon

Wenn nun die Zellteilung zu genetisch identischen Tochterzellen führt, wird auch eine Differenzierung des Selbst 1 zu einem Selbst 2 wieder zu einem 100%igen Selbst 1 führen. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder ist der Schöpfungsprozess in seinem Zweck gescheitert, nämlich eine tatsächlich getrennte, bewusste und personale Entität zu schaffen. Oder man landet bei schwer verständlichen Konzepten wie der Trinität, die sich dem Verstehen entziehen.

Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit, wenn man konsequent zu Ende denkt. Im Genesisprozess wird etwas eingeführt, das am Ende tatsächlich zu einer getrennten Bewusstseins-Entität führt: Ein Filter bzw. Filtermechanismus, der dem Selbst 2 das wegnimmt, was es eigentlich ausmacht. Denn Selbst 2 ist ja Selbst 1. Nur ist Selbst 2 sich dessen nicht bewusst, weil der Filtermechanismus es daran hindert oder, anders ausgedrückt, täuscht.

Durch diese Täuschung nimmt Selbst 2 an, jemand anderes zu sein als Selbst 1. Es kann sogar so weit gehen, dass Selbst 2 gar nicht ahnt, dass Selbst 1 überhaupt da ist.

Dass dieses Axiom nicht aus der Nase gezogen ist, zeigen diverse Naturprozesse und religiöse Schriften. Unter anderem im Islam ist das von mir postulierte Axiom zu erkennen, auch wenn es nicht Schwerpunkt der islamischen Lehre ist.

Das Hologramm-Prinzip und der Informationsverlust

Ein Hologramm ist eigentlich eine Miniaturkopie von etwas Größerem. Allerdings kennt die Physik auch den Umstand, dass es in Hologrammen zu minimalen Informationsverlusten kommt. Philosophisch lässt sich das so deuten, dass hier der Filtermechanismus zum Tragen kommt. Der Filtermechanismus ist somit elementarer Bestandteil des Schöpfungsprozesses, und zwar vom ersten Genesisprozess an bis jetzt hier bei uns auf der Erde am anderen Ende der Schöpfungskette.

Die Konsequenzen des Filtermechanismus

Die dreigeteilte Natur des Menschen

Der Filtermechanismus führt am Ende zu einer dreigeteilten Natur des Menschen. Das konstantinische Christentum geht von einer Einheit aus Geist, Seele und Körper (Materie) aus. Interessant ist, dass „Geist“ und „Seele“ seitens der konstantinischen Theologie nicht fest definiert werden. Das macht es schwerer oder einfacher zugleich. Für mich ist es einfacher, weil die Kirche meine Auffassung nicht wirklich kritisieren kann. Bevor sie das tut, soll die konstantinische Theologie erst einmal ihre Begriffe „Geist“ und „Seele“ definieren und mir dann mit diesen Definitionen antworten.

Im Kontext dieses Artikels ist es so:

  1. Der Geist ist das von Selbst 1 differenzierte Selbst 2. Er ist das, was der Mensch eigentlich ist.
  2. Die Seele ist der Filtermechanismus. Er ist eine eigene bewusste Entität und das täuschende „Ich“. Er ist auch für den permanenten Gedächtnisverlust beim Menschen verantwortlich.
  3. Der Körper ist die Integrierung des Selbst 2 in die Materie.

Der göttliche Funke in den Religionen

Die gnostischen Christen würden für den Geist „göttlicher Funke“ sagen. Auch wenn ich in diesem Artikel wegen meines Axioms von einer eigentlichen Wesensgleichheit von Selbst 1 und Selbst 2 ausgehe, gibt es deutliche Entsprechungen in anderen Religionen. Der göttliche Funke hat ein wenig theologische Sprengkraft, weil er postuliert, dass Selbst 1 und Selbst 2 in ihrem Wesen identisch sind, auch wenn Selbst 2 sich dessen wegen des Filtersystems nicht bewusst ist.

Wie die verschiedenen Religionen zu einem hypothetischen göttlichen Funken stehen, hat Claude Code für uns in einer Obsidian-Notiz zusammengefasst. Wer möchte, kann die Antwort dort studieren. Ich habe sie auf der Homepage freigeschaltet5. Hier kann ich sie nur selektiv und in Kurzform interpretieren:

Islam. Allah haucht dem Menschen seinen Geist ein. Ich könnte das als Bestätigung meines Artikels hernehmen, wenn die islamische Theologie nicht strikt eine Wesensverschiedenheit von Allah und seiner Schöpfung postulieren würde. Ungeachtet dessen ist es faszinierend, wie nah das „Geisteinhauchen“ sprachlich an meinen Ansichten liegt.

Konstantinisches Christentum. Der Geist Gottes wohnt im Menschen bzw. im Christen. Die Frage stellt sich weiter: Was bedeutet es, nach dem Bild Gottes geschaffen zu sein? Könnte man nicht auch im heutigen konstantinischen Christentum einen göttlichen Funken hineininterpretieren, auch wenn das die aktuelle kirchliche Dogmatik deutlich durcheinanderbringen könnte?

Buddhismus. Er geht davon aus, dass in jedem Menschen „buddhadhātu“ möglich ist. Die wahre Essenz des Menschen ist dabei durch eine Schicht von Täuschungen verborgen, was meinem Filtermechanismus entspricht. Als Leser sollten Sie wissen, dass der Buddhismus keinen Gott kennt und deshalb keine religiöse Verehrung durchführt. Streng genommen ist er eine Philosophie und keine Religion.

Hinduismus. Wie die gnostischen Christen spricht er von einem göttlichen Funken in jedem Menschen.

Wir halten also fest: Die Idee, dass der Mensch einen göttlichen Funken in sich trägt, lässt sich aus Islam, Christentum, Hinduismus und Buddhismus ableiten. Selbst 1 und Selbst 2 sind im gnostischen Christentum tatsächlich wesensgleich. Der Buddhismus sagt das Gleiche, mit der Einschränkung, dass er keinen Gott kennt. Im Islam wird dem Menschen der Geist Allahs eingehaucht, auch wenn die Islamgelehrten keine Wesenseinheit von Allah mit seiner Schöpfung erkennen. Und im konstantinischen Christentum wohnt der Geist Gottes direkt im Menschen.

Das „Ich“ ist nicht das wahre Ich

Ich möchte langsam zum Ende meines Artikels kommen. Eine zentrale Aussage ist die Dreiteilung der menschlichen Natur in Körper, Geist und Seele. Mit der Seele wurde ein Filtermechanismus identifiziert, der eine eigene bewusste Entität darstellt. Die Seele ist also nicht das wahre „Ich“. Das wahre „Ich“ von mir ist das „Selbst“, also der Geist des Menschen. Die Seele hingegen ist eine andere, separate bewusste Entität. Sie filtert dem „Selbst“ vieles weg, damit es nicht erkennen kann, eigentlich ein separierter Teil von Selbst 1 zu sein.

In der Praxis führt das dazu, dass Selbst 2 nicht weiß, dass ihm das „Ich“ vorgelagert ist. Das „Ich“ gibt einen Gedanken ein wie: „Meine Frau betrügt mich bestimmt.“ Das Selbst ahnt nicht, dass das „Ich“ als separate Bewusstseins-Entität vorhanden ist, und hält den Gedanken für seinen eigenen. Dadurch wird das Selbst 2 vom „Ich“ beständig getäuscht.

Warum das „Ich“ das tut, bleibt anderen Artikeln auf meiner Homepage vorbehalten. Nur vorab so viel: Häufig stellen sich Menschen die Frage, woher das Böse auf der Erde stammt. Die Religionen geben darauf eigentlich keine Antworten. Wenn sie etwas dazu sagen, sind es abstrakte Begrifflichkeiten wie „Sünde“, „Erbsünde“ oder „Schwäche“, hinter denen ganze Theologien und Philosophien als Rattenschwanz hergezogen werden müssen, um sich eine denkbare Antwort zusammenzuhalluzinieren.

Ich hingegen weise dem „Ich“ die Verantwortung für das Böse auf der Erde zu und betone ausdrücklich, dass dieses „Ich“ nicht wir sind. Wir sind das „Selbst“. Wir sind nicht das „Ich“.

Hinweise in der Literatur und in der Geschichte

Neben den Andeutungen in philosophischen und religiösen Texten gibt es auch in der Literatur Hinweise auf das „Ich“ als separate Bewusstseins-Entität. Erwähnen möchte ich Castanedas Voladores und die psychologischen Differenzierungen der menschlichen Persönlichkeit in zwei separate Bestandteile. Allerdings hat diese Zweiteilung der menschlichen Psyche in diesem Kontext meistens nichts damit zu tun, dass der eine Teil hinterhältig und böse die Kontrolle übernimmt. Als Minderheitenmeinung wird aber auch das in der Psychologie vertreten.

Auch die Geschichte liefert möglicherweise einen Hinweis. Ich behaupte in meinem Artikel, dass die zahlreichen differenzierten „Selbste“, die meistens nicht wissen, wer sie sind und wo sie sind, zusammen mit dem Anfangs- oder Urbewusstsein ein „Uns“ bilden. Früher kannte man diesen religiösen bzw. philosophischen Hintergrund von „Selbst“ und „Ich“ wohl noch und sprach deshalb bewusst nicht vom „Ich“, sondern vom „Uns“. Die ganze Gesellschaft sprach so, nicht nur besondere Herrscher oder Würdenträger. Diese Gepflogenheit ist unter dem Begriff „Pluralis Majestatis“ bekannt. Allerdings kann ich diese Interpretation, die ich aus Intuition gewonnen habe, nicht belegen. Zumindest bekomme ich von Wikipedia in diesem Punkt keine Unterstützung6.

Was wir gelernt haben

Wir haben in diesem Artikel gelernt, wie es am Anfang vor dem ersten Schöpfungsprozess gewesen ist: Ein Urbewusstsein, das alles war, alles ausfüllte und alles über alles wusste. Dieser Urzustand wollte erfahren, wie es ist, limitiert zu sein, also nicht alles auszufüllen und nicht alles zu wissen.

Um uns dieser schwierigen Frage zu nähern, haben wir Axiome festgelegt, die auf unserer Alltagserfahrung beruhen und als Basis der Argumentation dienen. Der Energieerhaltungssatz führte uns zu dem Schluss, dass ein alles ausfüllendes Bewusstsein am Ende nur sich selbst replizieren kann. Die philosophische Betrachtung der Begriffe „Unendlich“ und „Alles“ zeigte uns außerdem, dass ein Schöpfungsvorgang eine Begrenzung des Schöpfers zur Folge hat. Wäre dem nicht so, könnte der Schöpfer zu Beginn des Schöpfungsprozesses nicht allgegenwärtig gewesen sein.

Schöpfung wurde so als Differenzierung des Bewusstseins von Selbst 1 von sich selbst erkannt. Da die neuen, differenzierten Selbste nicht dasselbe Bewusstsein wie das ursprüngliche haben sollten, wurde im Rahmen des Schöpfungsprozesses eine separate Entität geschaffen: Das „Ich“. Seine Aufgabe ist es, dem differenzierten Selbst eine falsche Identität vorzutäuschen. Das geht nicht anders, weil Bewusstsein nicht verschwinden kann. Ein separiertes, differenziertes Bewusstsein ist im Kern wesensgleich mit dem Ursprungsbewusstsein. Deshalb ist die täuschende Entität zwingend erforderlich.

Welche offenen Fragen wirft dieser Artikel auf?

In diesem Artikel stelle ich die Behauptung auf, dass das „Ich“ die Ursache des Bösen auf der Erde ist. Der Artikel war nicht dazu gedacht, diese Behauptung zu begründen. Das wird in anderen Artikeln auf meiner Homepage geschehen. Dabei wird auch untersucht werden, inwieweit diese Bosheit unserer Welt ursprünglich vom Urbewusstsein „Selbst 1“ vorgesehen war.

War all das Böse ursprünglich vom Selbst 1 geplant? Oder ist etwas passiert, womit Selbst 1 nicht gerechnet hat, und hat sich womöglich der Filtermechanismus des „Ich“ verselbstständigt? Wenn dem so wäre: Wie ist das mit der Allwissenheit von Selbst 1 vereinbar?